Mittwoch, 26. Juli 2006

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Die Kinder im Raum vor uns rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum. Sie sollen gleich einen kurzen Vortrag anhören, aber die Sechs- und Siebenjährigen finden das Gespräch mit ihren Freunden eigentlich spannender als das, was diese deutschen Jugendlichen wohl erzählen wollen.

Einen kurzen Moment lang denke ich, dass sie genauso gut Kinder aus der Villa Industrial oder der 250, den Armenvierteln San Felipes, sein könnten – nette, aber unruhige Mädchen und Jungen, die halt auf einer anderen Schule sind. Doch dann tritt ihre Lehrerin in den Raum und fegt diese Illusion aus meinem Kopf.

Auch bei den Erst- und Zweitklässlern des Colegio Aleman macht sich der Unterschied an Herkunft, Erziehung und Bildung zu den Kindern in der Villa Industrial bemerkbar. Brav und im Chor begrüßen sie Tati, die versucht, ihnen das Leben Gleichaltriger auf der anderen Seite des Flusses zu erklären. Es ist nicht leicht, denn diese Kinder haben mit ihnen nicht viel gemeinsam.

Zwar arbeiten die Eltern beider Gruppen im Sommer im Export von Obst – doch während die Väter und Mütter des Colegio Aleman aus den Büros der Agrarkonzerne Ernte und Export organisieren, schuften die Familien aus der Villa Industrial auf den Weinfeldern und in den Verpackungsstationen.
Die einen können für jedes Kind 200.000 Pesos monatlich an die Schule zahlen, die anderen wären oft froh, wenn die ganze Familie so viel Geld für den Monat hätte.

So wie es sehr unwahrscheinlich ist, dass auch nur eins der Kinder, die im centro communitario der Villa Industrial spielen oder ihre Hausaufgaben machen, jemals einen Universitätsabschluss machen wird, so ist es wohl sicher, dass keine Schülerin und kein Schüler der Deutschen Schule jemals in Armut leben wird. Praktisch alle, die hier ihren Schulabschluss machen, können später studieren – sie haben die nötige Vorbildung und ihre Eltern können sich nach dem Schulgeld auch noch die Studiengebühren leisten.

Im schlechten öffentlichen Schulsystem schafft es nur die Hälfte der SchülerInnen an die Unis – wer dann noch aus einer armen Poblacion kommt und vielleicht Eltern hat, die nur drei oder vier Jahre zur Grundschule gegangen sind, hat keine Chance.

Diese Zustände haben vor Wochen zu den größten SchülerInnenstreiks und -protesten seit Jahrzehnten geführt. Die Regierung gestand einige finanzielle Erleichterungen für die ärmeren SchülerInnen zu und setzte eine Kommission für eine grundlegende Bildungsreform ein. Vielleicht kommen dabei einige Verbesserungen in der öffentlichen Bildung heraus – dass der Klassencharakter des chilenischen Bildungssystems aufgehoben wird, glaubt kaum noch jemand.

Als einstiges Muster- und Probeland neoliberaler Politik ist Chile auch heute noch ein Bilderbuch zur Illustration von Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Die streikenden SchülerInnen haben das Land einen Moment aus seiner Apathie gerissen, haben Raum für Debatten eröffnet, das herrschende Modell in Frage gestellt und Träume von Gleichheit und Gerechtigkeit für einen kurzen Moment wiederauferstehen lassen.

Nun arbeitet die Regierungskommission, und der Alltag ist wieder eingekehrt. Einige Schulen haben die Winterferien halbiert, um den im Streik ausgefallenen Unterricht nachzuholen. In der Villa Industrial bekommen die Kinder kostenlos warmes Mittagessen, denn die Arbeitslosigkeit ist im Winter hoch und viele Familien haben Schwierigkeiten, ihre Kleinen ausreichend zu ernähren.

Währenddessen präsentiert die chilenische Presse stolz auf den Titelseiten „Scorpene“, das neue U-Boot, das die Kriegsmarine in Europa gekauft hat. Der Minenkonzern Anglo American macht in einem guten Jahr allein in Chile schon mal satte 600 Millionen Dollar Gewinn und berichtet ausführlich über die 600.000 $, die er im selben Jahr für Sozialprogramme ausgegeben hat – immerhin fast ein Promille.

Bei diesem Konzern, genauer gesagt der Division Fundicion Chagres bei San Felipe, macht einer der Jugendlichen der Casa Walter Zielke ein einjähriges Praktikum. Während dieses Jahres wird er bezahlt und hat anschließend gute Chancen auf eine feste, ganzjährige und ordentlich entlohnte Arbeit.

So könnte er ein paar Krümel des Reichtums abbekommen, der in den Händen der chilenischen Oberschicht sowie in den Industriestaaten – auch in Deutschland - landet. Doch die Jungen im Zimmer neben ihm können kaum lesen oder Hausaufgaben machen – die schwache Glühbirne an der Decke reicht dazu einfach nicht aus.

Das Wirtschaftssystem des jeder-für-sich ohne Rücksicht auf den anderen oder die Gemeinschaft hat auch das Denken seiner Opfer geprägt. Wenn im Winter das Duschwasser von den Sonnenkollektoren der Casa nicht richtig warm wird, können sich manche Jungs Gas zum Wasserheizen kaufen. Sie bewahren ihre Gasflasche im Zimmer auf und holen sie raus, wenn sie selbst warmes Wasser brauchen. Die anderen müssen halt kalt duschen.

Mauricio versucht, als Direktor der Casa dagegen zu steuern. Er diskutiert mit den Jugendlichen, will erreichen, dass sie zumindest in Frage stellen, warum der eine warmes und der andere kaltes Wasser haben soll. Auch unser oben beschriebener Einsatz im Colegio Aleman ist nicht folgenlos geblieben. Einige Tage später übergab die Schule mehrere hundert Liter Milch und hunderte Bücher als Spenden an das centro communitario. Und vielleicht werden, wenn im nächsten Jahr SchülerInnen der Deutschen Schule regelmäßig im Zentrum arbeiten, einige sich fragen, warum nur sie in Wohlstand und mit guter Bildung aufwachsen dürfen – und möglicherweise wird der eine oder die andere zu dem Schluss kommen, dass es nicht so ein muss.

Dann hätten wir an der Deutschen Schule viel mehr erreicht, als nur Spenden einzusammeln.

Aber wer sind eigentlich „wir“ und was machen wir hier? Deutsche Jugendliche aus Mittelschicht und Bildungsbürgertum, die statt Bundeswehr ein Jahr Abenteuer und Erfahrungen im Ausland suchen. Die hier die Herzen von Kindern gewinnen und nach einem Jahr wieder gehen – nachdem wir sicher überall ein bisschen geholfen, aber vor allem sehr viel mehr mitgenommen haben, als wir bringen oder hinterlassen konnten. Das gilt für unsere Erfahrungen, unsere Selbstveränderung und die vielen gelebten Freuden – aber es lässt sich auch ökonomisch fassen.

Spanischkenntnisse, Auslandserfahrung und soziales Engagement sind in der deutschen Wirtschaft gefragte „soft skills“ und können uns unseren Weg weit nach oben bahnen. Vielleicht sitzen wir in fünfzehn Jahren im Management eines der Konzerne, die ihre Profite aus der Armut des Südens ziehen und können dann als Regionalspezialisten für Lateinamerika dabei helfen, die Lohnkosten zu senken oder dafür sorgen, dass unser Arbeitgeber weiterhin keine Steuern in Chile zahlen muss.

Für Maria Cesar aus der Villa Industrial wäre es sicher komisch, dass sie dann auf Order des deutschen „tio“ entlassen wird, der sie früher im centro communitario auf dem Karussell immer angeschoben hat.




















So kann die Geschichte ausgehen – aber noch ist ihr Ende nicht geschrieben. Es liegt an uns, sie anders zu schreiben; unsere hier gewonnen Stärken und Erfahrungen in den Dienst derer zu stellen, mit und bei denen wir sie gewonnen haben.
Wir haben in spielenden und lernenden, lachenden und weinenden Kindern die Verhältnisse gesehen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.


Und wir können diese Verhältnisse verändern.


Wir können es, wenn „wir“ nicht nur die alten und neuen Freiwilligen in San Felipe und Los Andes sind, sondern auch ihr und Sie, die unsere Berichte und die Informationen der FIFA lesen.
Ich hoffe, dass viele von euch und Ihnen ihren Teil dazu beitragen und (weiterhin) ermöglichen, dass hier in Chile Funken der Solidarität gestreut werden andere Jugendliche aus Deutschland Erfahrungen machen können, wie wir sie gemacht haben.
Nicht, um sich vom schlechten Gewissen freizukaufen und das unwohle Gefühl loszuwerden, dass manche hoffentlich beim Lesen dieser Zeilen befallen hat. Aber als eins von vielen Dingen, die jede und jeder dafür tun kann, dass die Träume von Gleichheit und Gerechtigkeit nicht nur auferstehen, sondern endlich Wirklichkeit werden.

Mittwoch, 7. Juni 2006

Schülerproteste

07.06.06
Chiles Schüler proben den Aufstand
Erstes Angebot der Präsidentin Bachelet findet keine Zustimmung

Von Felix Pithan, Santiago de Chile

Die Proteste der chilenischen Schüler nehmen kein Ende. Daran konnte auch das Angebot der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet nichts ändern.
»Bildung ist ein Recht – keine Ware!« Solche Plakate zieren momentan einen Großteil der Oberstufenschulen in Chile. Seit Wochen demonstrieren Schüler für die Abschaffung der Gebühren auf die Abschlussprüfung, für kostenlose Schülerausweise und eine Übernahme der Fahrtkosten zur Schule. Außerdem fordern sie eine Überarbeitung des in den 90er Jahren eingeführten Ganztagsschulsystems sowie des Verfassungsgesetzes zur Bildung, des letzten Gesetzes der Pinochet-Diktatur (1973-1990). Dieses Gesetz ist die Grundlage für die weit verbreiteten Privatschulen, in denen Kinder aus den oberen Schichten im Gegensatz zu den extrem schlecht ausgestatteten öffentlichen Ganztagsschulen eine qualifizierte Ausbildung erhalten. Die Ausstattung nicht das Prinzip Ganztagsschule steht in der Kritik.
Noch in der vorletzten Woche weigerte sich die Regierung, mit den Schülern zu verhandeln, solange diese ihre Aktionen nicht beendeten. Die wachsende Mobilisierung und erste Schulbesetzungen in der Hauptstadt Santiago zwangen sie dann am Montag an den Verhandlungstisch, wo jedoch keine Einigung zustande kam.
Da der Staatshaushalt derzeit aufgrund der hohen Kupferpreise einen deutlichen Überschuss aufweist, fällt es der Regierung schwer, die Forderungen der Schüler als nicht finanzierbar darzustellen. Inzwischen bietet sie an, die Abschlussprüfung für die ärmsten 60 Prozent der Schüler zu finanzieren, kostenlose Schülerausweise bereitzustellen und die Reform des Verfassungsgesetzes zur Bildung anzugehen.
Mit diesen Zugeständnissen gaben sich die Schüler nicht zufrieden, weshalb sie am Montag mit der Unterstützung von Studierenden und Lehrern zum landesweiten Streik aufriefen, an dem etwa eine Million Schüler und Studierende teilnahmen. So wollen sie die Übernahme der Schulfahrten wenigstens für die ärmeren Schüler durchsetzen und verbindliche Zusagen über ihre Beteiligung an der Bildungsreform erhalten.
Der Aktionstag wurde von über 100 Organisationen unterstützt, dem Aufruf zum Streik folgten aber außerhalb des Bildungssektors nur wenige Beschäftigte. Der Aktionstag verlief nicht reibungslos. In Santiago, Valparaíso und Concepción wurden mehr als 280 Menschen festgenommen, in der Hauptstadt darüber hinaus rund 100 Menschen verletzt.
Viele Studierende unterstützen die Aktionen der Schüler, eine Reihe von Universitäten ist ebenfalls in den Streik getreten. Auch Elternvertreter und Lehrer schließen sich öffentlich den Forderungen an und unterstützen die Aktionen in den Schulen. Selbst privilegierte Privatschulen haben sich dem Streik angeschlossen oder solidarisieren sich mit den Protesten.
Präsidentin Michelle Bachelet, die erst seit drei Monaten im Amt ist und der ersten größeren Regierungskrise gegenübersteht, sagte eine Reform zu. »Ich werde dem Kongress einen Gesetzesentwurf zukommen lassen, um die Verfassung zu reformieren und das Recht aller Bürger auf gute Bildung zu bestätigen«, erklärte Bachelet. Die Schüler hätten ihre Forderungen deutlich gemacht, und sie halte dies für »gerecht und rechtmäßig«. Für die fortgesetzten Demonstrationen bringt sie deshalb kein Verständnis auf.
Nicht wenige der Proteste der Schüler werden in Santiago wie in den Provinzen immer wieder mit Wasserwerfern und Tränengas aufgelöst. Nachdem die chilenische Presse in den ersten Wochen meist von »vermummten Chaoten« sprach, denen die Polizei entgegentreten müsste, änderte sich vor rund einer Woche die Berichterstattung: Bei einem besonders brutalen Einsatz einer Sondereinheit in Santiago wurden nicht nur gewaltfrei Demonstrierende vor laufenden Kameras an der Haaren über die Straße gezogen, auch mehrere Reporter wurden von Polizisten niedergeschlagen oder gezielt mit Tränengas angegriffen. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung wurden nun der Kommandant der Sondereinheiten und sein Stellvertreter abgesetzt, acht weitere Polizisten vorläufig suspendiert. Ein Achtungserfolg für die Schüler, deren Koordination gestern abend über den weiteren Fortgang der Aktionen befinden wollte.

http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=91594&IDC=2

Kleines Update zum Artikel: Gestern wurde der Streik erst einmal verlängert, umstritten ist noch die Beteiligung der Schüler an der Kommission, die Reformen im Bildungssystem ausarbeitet.

Freitag, 10. März 2006

Gedenken an Gladys Marin

Letzten Sonntag war ich beim Gedenken an Gladys Marin in Santiago, hier ein kleiner Bericht, den ich darüber geschrieben habe:

Mehrere tausend Menschen nahmen am Sonntag in Santiago de Chile an einer Demonstration zum 1. Jahrestages des Todes von Gladys Marin statt. Die ehemalige Parlamentsabgeordnete und Generalsekretärin der kommunistischen Partei kehrte noch vor Ende der Pinochet-Diktatur aus dem Exil zurück, um die Leitung der im Untergrund arbeitenden Partei zu übernehmen. Ihr Mann wurde während der Diktatur verschleppt, sein weiteres Schicksal ist bis heute unbekannt.

Gladys Marin reichte nach Ende der Diktatur die erste Anzeige gegen Pinochet ein und erwarb mit ihrem Einsatz für Demokratisierung, Menschenrechte und die Aufklärung der chilenischen Geschichte weit über die Kreise der Kommunisten hinweg Anerkennung. Vor einem Jahr starb sie an Krebs.

Die Demonstration, die mit einer Kundgebung vor dem Zentralfriedhof von Santiago endete, wurde vor allem von der Kommunistischen Partei Chiles und deren Jugendverband durchgeführt. Auf der Abschlusskundgebung waren neben den Angehörigen von Gladys Marin unter anderem Vertreter der Botschaften Venezuelas, Kubas und Boliviens vertreten. Nach Abschluss der Kundgebung zogen die Teilnehmer die Internationale singend auf den Friedhof, um Blumen am Grab von Gladys Marin niederzulegen.

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Nach dem Gedenken haben wir noch das Mahnmal der Opfer der Diktatur und das Grab Salvador Allendes besichtigt. Vor letzterem sass eine Gruppe chilenischer Jugendlicher und spielte und sang die Internationale und einige Lieder der Unidad Popular - insgesamt ein beeindruckender bis ergreifender Tag.

Ende Februar waren wir mit der Casa de jovenes eine Woche am Strand in Papudo. Tagsüber waren wir viel am Strand (zum schwimmen), nachts auch (zum trinken ähhh... feiern). Außerdem haben wir noch zwei kleine Nachtgeländespiele organisiert, die erstaunlich gut angekommen sind. (Man muss halt den Junges nur klarmachen, dass wer nicht mitkommt, nicht zu cool dafür ist, sondern einfach nur Schiß hat...) Aufgrund reichlicher Spenden einiger Obstunternehmen haben wir die ganze Zeit ohne Ende Honigmelonen und Trauben gegessen. Das mag paradiesisch klingen, aber nach der Woche konnte ich beides nicht mehr sehen.

A propos Trauben: die auf unserem Hof sind jetzt auch reif. Ansonsten geht der Sommer langsam zu Ende, die Temperaturen sind erst auf 30, jetzt auf 28 Grad gefallen. Als ich vorgestern um acht Uhr morgens joggen war, fand ich es zum ersten mal wieder ganz schön kühl...

Samstag, 28. Januar 2006

Von Cochabamba nach Sucre

Letzte Woche Mittwoch sind wir abends um neun mit dem billigsten Nachtbus von Cochabamba nach Sucre losgefahren, die Ankunft sollte um sechs Uhr morgens sein.

Um zwanzig nach sechs wachte ich auf, als der Bus sich irgendwo auf der Strasse in eine Lange Reihe stehender Busse uns LKWs einreihte - ohne ersichtlichen Grund. Irgendwann ging es im anhaltenden Regen langsam weiter, und wir ueberquerten einen Erdrutsch, den einige Maenner mit Spaten und Schaufeln so bearbeitet hatten, dass die Busse wie ueber eine Rampe hinueber fahren konnten. Auf der Strasse lagen ueberall Steine bis kleine Felsbrocken, die anscheinend durch den Regen aus dem Berg geloest waren.

So fuhren wir weiter, bis die Schlange an Bussen vor einem groesseren Erdrutsch zum stehen kam. Fast alle stiegen aus und ich half zunächst, einige kleinere Steinbrocken von der Straße zu räumen. Als dann aber weitere Steine herunterkamen, die einen Menschen hätten erschlagen können und ich die grüßeren Steinbrocken sah, die mitten auf der Straße lagen. kam ich zu dem Schluss, dass es unmöglich war, ohne Räumgerät dieses Hinderniss zu überwinden. Daher zog ich mich auf die sichere Seite der Straße zurück, erkundete den weiteren Zustand der Straße und wartete ab. Eine sehr deutsche Einschätzung: nach einigen Stunden war die Straße so frei, dass sich die Busse vorbeischlängeln konnten - ohne weitere Werkzeuge als herausgebrochene Stücke der Leitplanke, die als Hebel benutzt wurden.

Einige Stunden später kamen wir zu einem kleinen Fluss, dessen Bett auf einer Breite von etwa 30m mit Schotter, Schlamm und Wasser gefüllt war, so dass die Durchfahrt nahezu unmöglich war. Einige Busse und LKW versuchten, das Geröllfeld weiter oberhalb zu durchqueren, blieben aber meist stecken. Glücklicherweise gab es hier ein kettengetriebenes Räumfahrzeug, dessen Arbeit ich allerdings in mehrstündiger Beobachtung nicht durchschaute. Anstatt einen irgendwie gangbaren Weg zu erstellen, was vielleicht 15 min gedauert hätte, oder ein Fahrzeug nach dem anderen rüberzuziehen, was vielleicht einige Stunden gedauert, aber den Stau an dieser Stelle aufgelöst hätte, schub der Fahrer irgendwie den Schotter bergabwärts - vielleicht wollte er die Straße gründlich reinigen, bevor der Lehm trocknete. Allerdings hätte letzteres wohl ohnehin noch gedauert, da ständig Wasser nachfloss. So bot sich den ZuschauerInnen folgendes Spektakel: Das Räumfahrzeug arbeitete vor sich hin, während ein Bus- oder LKW-Fahrer nach dem anderen sein Fahrezeug ins Kiesbett stürzte, in der Regel stecken blieb und eine halbe Stunde wartete, bis die Kettenraupe ihn rauszog. Dann ging das gleiche mit dem nächsten Fahrzeug weiter.

Als unser Bus nach Stunden diese Passage überquert hatte, wussten wir schon, dass in drei Kilometern der nächste Erdrutsch war - zugleich aber die letzte Blockade vor Sucre. Da Der Bus nicht weiterkonnte und ohnehin ziemlich lädiert war, ließen wir uns von einem Minibus zur nächsten Blockade bringen, die wir zu Fuss überquerten. Auf der anderen Seite nahmen wir dann ein wartendes Taxi, das uns zum Wucherpreis von 1.11 € pro Person nach Sucre brachte.

Dort kamen wir dann nach etwa 24 Stunden Reise erschöpft an - als einige der wenigen Menschen, die an diesem Tag aus Cochabamba die Stadt erreichten. Später erfuhren wir, dass in Bolivien wegen der Regenfälle der Notstand ausgerufen war und Nachtreisen auf dieser Stecke bis auf weiteres eingestellt wurden.

In den nächsten Tagen schreibe ich noch mal über die Besichtigung der Minen in Potosi, bin jetzt aber schon wieder in San Felipe zurück.

Sonntag, 22. Januar 2006

Machtergreifung nach 513 Jahren Widerstandes

Zwischen zwei- und dreihunderttausend Menschen aus allen Teilen Boliviens und vielen anderen Lândern feierten heute auf der "Plaza de los Heroes" den Amtsantritt von Evo Morales. Gestern fand in der historischen Stätte Tihuanaco eine Zeremonie der Machtübergabe durch die Indigenas statt, bei der von den Mapuches aus dem Süden Chiles bis zu den Navajo aus den USA viele Indigena-Vertreter anderer Länder anwesend waren. Heute morgen fand die offizielle Amtsübergabe im Kongress statt, an die sich dann die grosse Feier auf der Plaza anschloss, die gerade mit einem Feuerwerk beendet wurde.

Evo betonte in seinen Reden gestern und heute, dass mit dem Wahlsieg des MAS am 18. Dezember 513 Jahre des Widerstandes gegen die Ausgrenzung und Marginalisierung der Indigenas beendet würden und mit der Neugründung Boliviens ein neuer Prozess beginne. Konkret soll noch in diesem Jahr eine verfassungsgebende Versammlung gewählt werden, die alle sozialen Sektoren einbinden soll. Gerade gegenüber den bolivianischen Unternehmern zeigte sich Evo auch heute sehr einladend, gestand ihnen ihr Recht auf Eigentum und Produktion zu, verlangte Investitionen und die Schaffung von sicheren und gut bezahlten Arbeitsplätzen. Wahrscheinlich hat er bisher aus taktischen Gründen nichts konkreteres über das zentrale ökonomische Projekt der Regierung, die Verstaatlichung der öl- und Gasvorkommen, erklärt.

Es ist aber damit zu rechnen, dass die starken und durchaus autonomen sozialen Bewegungen seine Regierung in dieser Frage beobachten und gegebenenfalls unter Druck setzen werden - worum er sie in seinen Reden ausdrücklich bat. Zusammen mit der Erstellung einer neuen Verfassung gibt das meines Erachtens durchaus Anlass zur Hoffnung, dass sich in Bolivien ein Prozess der tiefgreifenden Veränderung der sozialen Verhältnisse in Gang gesetzt hat.

Auf internationaler Ebene hat Evo Morales jedenfalls mit seiner deutlichen Solidarität mit Cuba und Venezuela Zeichen gesetzt. Wie bei der lateinamerikanischen Linken durchaus ûblich, waren seine und andere Reden von einem Vaterlands- und Patriotismusdiskurs geprägt, den in Deutschland nicht einmal der rechte Flügel der CSU öffentlich äussern würde. Angesichts der historischen Entwicklung sicherlich verständlich, aber in dieser Frage halte ich es dann doch lieber mit Marx: "der Proletarier kennt kein Vaterland".

Evo bat während seiner Rede eine Indigena-Vertreterin aus Ecuador ans Mikrofon, da ansonsten nur Männer gesprochen hätten. Sicher noch nicht die Lösung, aber immerhin ein Problembewusstsein in Sachen Patriarchat.

Auch der lateinamerikanische Schriftsteller Eduardo Galdeano hielt eine Rede, in der er erklärte, der Hauptfeind der progressiven Bewegungen sei die Anst zu leben, zu sein und zu kämpfen und die Herrschaft dieser Angst sei jetzt in Bolivien beendet.

Persönlich konnte ich diesen historischen Moment nicht ganz so geniessen, wie ich mir das gewünscht hätte - gestern abend lag ich mit Fieber und Übelkeit im Bett, war aber zum Glück heute morgen wieder gesund, so dass ich dann vor den Kongress gehen konnte, wo eine grosse Menschenmenge die Ankunft der Gäste (u.a. Chavez) verfolgte. In dem Getümmel wurde mir dann mein Portemonnaie mit deutschem und chilenischem Personalausweis und Führerschein, aber immerhin ohne meinen Reisepass und mit Bargeld im Wert von nur 20 bis 30 Euro geklaut. Nachdem ich den Diebstahl dann angezeigt hatte, kamen wir noch rechtzeitig zur grossen Feier, wo ich eine Reihe wunderbarer Fotos machte, die dann leider beim Diebstahl meiner Kamera abhanden kamen, als Teile der Absperrungen geöffnet wurden, die Menschen Richtung Bühne strömten und fast über am Boden liegende Gitte stolperten. Eine ganz gute Pechsträhne also, aber wenn wir dafür jeden Tag solche Siege feiern könnten, würde ich das auch gerne ständig ertragen...

Der jetzt in Bolivien begonnen - oder besser: in eine neue Phase gegangene - Prozess ist sicherlich unsere Aufmerksamkeit und gegebenenfalls auch Solidarität wert - hasta la victoria siempre !

Dienstag, 17. Januar 2006

aktuelles und politisches

Nach vielen Beschwerden und Aufforderungen melde ich mich mal wieder in meinem Blog zu Wort...

Sonntag hat die Stichwahl um das Präsidentschaftsamt stattgefunden, gewählt wurde Michelle Bachelet von der Concertacion mit etwas über 53 Prozent der Stimmen.

Im ersten Wahlgang im Dezember hatte sie die absolute Mehrheit verfehlt, während sich auf der rechten Seite der gemäßigter auftretende Multimillionär Pinera statt des Hardliners Lavin in die Stichwahl einzog.

Thomas Hirsch blieb mit gut fünf Prozent unter den eigenen Erwartungen, aber zusammen mit den acht Prozent bei den gleichzeitig stattfindenden Parlamentschaftswahlen hat sich Podemos als politische Kraft in Chile etabliert.

Gleich nach dem ersten Wahlgang kam es aber zu Konflikten im Bündnis: Während der Präsidentschaftskandidat Thomas Hirsch wie schon in den Monaten zuvor angekündigt aufrief, im zweiten Wahlgang ungültig zu wählen, entschied sich die Führung der kommunistischen Partei ohne Debatte mit der Basis oder den Bündnispartnern, Bachelet fünf Bedingungen für eine Unterstützung vorzulegen.

Zumindest im Kreisverband San Felipe stieß dieses Vorgehen auf heftige Kritik, schließlich habe man seit Jahren in allen sozialen Kämpfen gegen die Concertacion gestanden, was sich gerade in einem Streik von Kupferarbeitern bestätigte. Außerdem wurde bemängelt, man könne jetzt nicht zur Wahl einer Kandidatin aufrufen, von der man im ersten Wahlgang stets gesagt hatte, sie sei ebenso neoliberal wie die rechte Konkurrenz.

Bachelet antwortete auf den Brief der KP, wobei sie in einigen Fragen ihre Unterstützung signalisierte und auch eine Gesetzesinitiative zur Änderung des Wahlrechts in den Kongress einbringen ließ (eine symbolische Geste, da die Rechte dort noch über eine Blockademinorität verfügt, bis der neugewählte Kongress sich konstitutiert hat). Immerhin ist wohl zu erwarten, dass die Concertacion sobald wie möglich (auch im eigenen Interesse) das binominale Wahlrecht durch ein repräsentatives Verhältniswahlrecht ersetzt.

In anderen Fragen zB der Forderung nach dem Ende des von AnwohnerInnen und Umweltverbänden kritisierten Minenprojekts Pacua Lama wich sie eher aus, weshalb die KP zunächst weitere Konkretisierungen einforderte, dann aber ohne die Erfüllung dieser Forderung zur Wahl Bachelets aufrief.

Zur Verteidigung der KP-Führung muss man sagen, dass sie die Oppositionsrolle der Partei deutlich bekräftigt hat.

So weit zur großen politischen Lage in Chile, spannender ist es in Bolivien, wo Evo Morales am Sonntag als erster Indigena zum Präsidenten vereidigt wird - und ich werde dabei sein!

Daher verspreche ich in den nächsten Wochen noch einen oder ein paar Berichte zur Situation in Bolivien und meiner Reise.

Samstag, 10. Dezember 2005

Politik und die cordillera costal

Wie ihr am untenstehenden Beitrag lesen könnt, komme ich auch von der deutschen Politik noch nicht ganz los und musste da auch noch mal meinen Senf dazugeben. Heute hat übrigens Wolfgang Gehrcke in der jungen Welt einen recht ähnlichen Beitrag zur gleichen Debatte geliefert.

Wo wir gerade bei Zeitungen sind: Am 9.12. hat das ND eine Seite über Chile veröffentlicht, wo auch ein gekürzter Artikel von mir bei sein soll. Damit zurück nach Chile: Morgen wird gewählt, ich erspare euch jetzt mal die letzten Umfragen und melde mich dann mit den echten Ergebnissen. (Ob es hier auch Prognosen am Wahlabend gibt, habe ich noch nicht so richtig herausgefunden)

Morgen früh sind wir wohl bei einer Familie der deutschen Schule eingeladen - mal sehen, wie hier so die Oberschicht lebt.

In den letzten Tagen war ich auf der letzten Bergtour des Club Andino vor dem Sommer, auf ca. 2000 m in der Küstenkordillere mit einem wunderbaren Blick auf die cordillera central (die Hauptkette der Anden) mit ihren schneebedeckten Gipfel auf einer Seite, einigen Buchten des Pazifik auf der anderen Seite und den Tälern und Bergen dazwischen sowie einigen Kondoren über uns.

Für die nächste Woche habe ich mir vorgenommen, mich bei der Stadtbibliothek der Nachbarschaft einzutragen. Der Bücherbestand ist zwar winzig (ein Raum mit vier bis fünf Regalen, in Deutschland wäre das eine kleinere Schulbibliothek) aber so komme ich doch günstig an die ganzen Bücher und Gedichte Pablo Nerudas, die ich unbedingt lesen möchte.

Sorry, dass ich fast einen Monat nichts geschrieben habe - die Zeit vergeht hier wirklich rasend schnell.

Die gesellschaftliche Mehrheit ist noch lange nicht gewonnen

Opposition statt Rechenspiele
Die gesellschaftliche Mehrheit ist noch lange nicht gewonnen

Eine Replik auf den ND-Artikel vom 3. Dezember 2005 von Kerstin Kaiser, Wulf Gallert und Stefan Liebich ("Veränderung beginnt mit Opposition, hört damit aber lange nicht auf"
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=82002&IDC=2)

von Christine Buchholz, Antje Brose, Nele Hirsch und Felix Pithan*

In einigen Nachbetrachtungen zur Bundestagswahl wird nicht nur der Wahlerfolg der Linkspartei.PDS hervorgehoben, sondern das Erreichen einer rechnerischen „linken Mehrheit“ von 51 Prozent – der Summe der Stimmanteile von SPD, der Linken und den Grünen. Aus dieser Feststellung wird dann die Forderung abgeleitet, in den nächsten vier Jahren müsse aus der rechnerischen eine regierungsfähige Mehrheit aufgebaut werden.

Dabei scheinen die Vertreterinnen und Vertreter dieser These eines zu übersehen: Es gibt für dieses Bündnis keine gemeinsame politische Basis. Sowohl die SPD als auch die Grünen haben Hartz IV, deutsche Kriegseinsätzen und mehrfachen Senkungen des Spitzensteuersatzes nicht nur beschlossen, sondern diese Politik – trotz aller sozialer Rhetorik - auch im Wahlkampf verteidigt.

Dass dennoch so viele Menschen rot-grün-schwarz-gelb ihre Stimme gegeben haben liegt daran, dass die tief greifende neoliberale Umstrukturierung gesellschaftlicher Verhältnisse nicht einfach auf einer Reihe von mehr oder weniger zufälliger Wahlsiegen wirtschaftsliberaler Kräfte beruht, sondern auf einer umfassenden gesellschaftlichen Vorherrschaft neoliberaler Ideologie. Diese Ideologie wirkt wegen des enormen Druck des Kapitals und wegen einer großen Verunsicherung in der Bevölkerung, die durch die Massenarbeitslosigkeit verstärkt wird.

Aber die neoliberale Ideologie ist nicht ungebrochen. Wie das Nein beim französischen Verfassungsreferendum oder die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV zeigen, ist diese in den letzten Jahren ins Wanken geraten. Auch der Wahlerfolg der Linkspartei begründet sich zu großen Teilen im Wunsch, der vermeintlichen Alternativlosigkeit der neoliberalen Politik die Stirn zu bieten.

Mit dem Wahlerfolg ist aber noch keineswegs eine Hegemonie zugunsten einer alternativen Politik der Umverteilung von oben nach unten erreicht. Die Prämisse der Linken in der Bundesrepublik muss in den nächsten Jahren daher der Kampf um eben diese gesellschaftliche Hegemonie sein. Die linke Opposition im Bundestag sollte in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen.

Dabei können die Erfahrungen der Französischen Kommunistischen Partei eine Lehre sein: Ihr Mitregieren in den neunziger Jahren hat trotz einiger erfolgreicher Projekte wie der 35-Stunden Woche keinen tief greifenden Politikwechsel herbeigeführt und endete 2002 mit katastrophalen Wahlniederlagen - zeitgleich zu spektakulären Erfolgen der extremen Rechten.

Aus diesen Erfahrungen klug geworden suchte die Partei in den letzten Jahren verstärkt die Kooperation mit sozialen Bewegungen und den offenen Dialog mit der Bevölkerung. So konnte sie mit dazu beizutragen, beim Referendum über die EU-Verfassung gegen Sozialdemokraten, Grüne, Konservative und Liberale sowie gegen die einhellige veröffentlichte Meinung eine effektive politische Mehrheit an die Urnen zu bringen.

Dieses Beispiel zeigt: Die Herrschaft des Neoliberalismus kann nicht durch einen Koalitionsvertrag, sondern nur durch mühevolle politische Arbeit für ein alternatives Projekt auf der Straße, in Kommunen, Betrieben und Gewerkschaften und durch eine enge Kooperation mit der außerparlamentarischen Opposition beendet werden. In diese Richtung muss auch in der Bundesrepublik weiter gedacht werden, anstatt sich auf den Eintritt in eine Rosa-Rot-Grüne Bundesregierung 2009 vorzubereiten.

Wer im Interesse der Betroffenen kleinere Verbesserungen erreichen will und deshalb für eine schnelle Regierungsbeteiligung eintritt, muss sich klar machen, dass er damit häufig mehr schadet als nutzt. Verschiedene Untersuchungen über das Experiment rot-roter Landesregierungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern argumentieren überzeugend, dass diese Regierungsbeteiligungen nicht Schlimmeres verhindert, dafür aber den außerparlamentarischen Widerstand geschwächt haben. In engem Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Kräften kann dagegen auch eine Oppositionskraft die Regierungsparteien unter Zugzwang bringen und konkrete Verbesserungen erreichen. Anders als in einer Regierungskoalition, in der zumindest angesichts der aktuellen Parteienkonstellation und der politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen unzählige Kompromisse geschlossen werden müssen, bleibt sie durch solch ein Agieren für die gesellschaftlichen Kräfte ein ernstzunehmender Bündnispartner im Parlament. Nur auf dieser Grundlage kann eine strategische Allianz zwischen Parlament und außerparlamentarischer Bewegung aufgebaut werden.

Mit der Einrichtung einer Kontaktstelle zur außerparlamentarischen Bewegung durch die Fraktion im Bundestag ist dazu ein erster Schritt getan: Die Kontaktstelle soll dazu beitragen, eine systematische, kontinuierliche und aktionsbezogene Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Kräften zu sichern.

Konkrete Ansätze für gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit braucht man nicht lange zu suchen: Bei der Mobilisierung gegen die so genannte Bolkestein-Richtlinie zum Dienstleistungsmarkt in der EU können wir die konkrete Kritik am Neoliberalismus hervorragend mit unseren Forderungen für ein soziales Europa verbinden. Mit attac und Teilen der Gewerkschaften stehen potentielle Bündnispartner schon mitten in der Auseinandersetzung. Schließen wir uns ihnen an – nicht nur mit Solidaritätsbekundungen, sondern kraftvoller Mobilisierung.

Um wirkliche politische Mehrheiten für einen Politikwechsel in Deutschland zu erreichen und die Voraussetzung dafür zu schaffen, unsere politischen Forderungen durchzusetzen, sollten wir alles tun, den Aufbau einer starken außerparlamentarischen Bewegung gegen den drohenden rot-schwarzen Kahlschlag zu fördern. Eine konsequente Oppositionspolitik im Parlament kann dafür einen wichtigen Beitrag leisten. Für das Frühjahr sind Aktionen der sozialen Bewegungen geplant. Wir sollten unsere Energie darauf verwenden diese zu stärken, anstatt Rechenspielchen für eine zukünftige Regierungskoalition zu beitreiben, für die es keine politische Grundlage gibt.

*Felix Pithan ist aktiv im Jugendverband [`solid], Antje Brose ist Mitglied im Parteivorstand der Linkspartei.PDS, Christine Buchholz ist Mitglied im Bundesvorstand der WASG und Nele Hirsch ist Mitglied der Linksfraktion im Bundestag.

Quelle: ND von Freitag, den 09.12.2005

Mittwoch, 16. November 2005

Santa Elena

Der ca. 4500 m hohe Gipfel St. Elena an der chilenisch-argentinischen Grenze war dieses Wochenende Ziel einer Wanderung des Club Andino.

Donnerstag habe ich schon mal angefangen, mich mit Reis und Nudeln vollzustopfen, Freitag wollte ich eigentlich um zehn Uhr schlafen gehen, um am nächsten Morgen ausgeschlafen aufbrechen zu können - leider wurde es dann doch etwa ein Uhr, bis ich meinen Rucksack fertig gepackt hatte.

Trotzdem brachen wir am Samstagmorgen recht fit in die Berge auf, an der Grenzstation gab es noch Probleme, weil eine Freiwillige noch nicht in Chile regisitriert war (Der Berg liegt direkt an der Grenze, die Zollstation ein Stück weiter unten, so dass wir offiziell kurz ausreisten).

Trotzdem sind wir alle durchgekommen und konnten gegen zehn Uhr in Richtung Basislager aufbrechen. Der Weg bergauf war nicht besonders anstrengend, da wir uns viel Zeit ließen. Gegen drei Uhr kamen wir an der alten Grenzstation an (die auf dem inzwischen durch einen Tunnel überflüssig gewordenen Pass steht), wo wir übernachten wollten.

Wir fanden nicht mehr genug Platz, innen unser Zelt aufzubauen, so dass wir ohne Zelt in einem der leeren Räume schliefen - die Temperatur war jedenfalls angenehmer als beim letzten Basislager, aber gut schlafen konnte ich trotzdem nicht.

Abends schoss ich noch eine lange Fotoserie vom Sonnenuntergang, nachdem ich über zehn Liter Wasser aus dem Schnee geschmolzen hatte.

Schon in der Nacht wurde einer Freiwilligen schlecht - sie war etwas krank und vertrug anscheinend die Höhe nicht. Klugerweise verzichtete sie dann auch darauf, am nächsten Morgen mit uns aufzubrechen. Wieder gingen wir extra langsam, um keine Höhenkrankheit zu bekommen (Wir meint jetzt Julian und mich, die Mitglieder des Club Andino waren uns weit voraus).

Nach der ersten gemeinsamen Pause mussten wir die Steigeisen anlegen, wobei uns glücklicherweise erfahrenere Clubmitglieder halfen. Das vom Militär geliehene Material war diesmal fehlerhafter und schlechter sortiert als sonst, weil das Regiment aus dem Nachbarort Los Andes gerade in den Norden zur peruanischen Grenze verlegt wurde (Eine ganz interessante Randnotiz, da gerade ein Konflikt um Hoheitsgewässer zwischen Peru und Chile besteht und ich von Truppenverlegungen aus der Presse noch nichts gehört hatte).

Während die Temperatur von eiskalt auf verdammt heiß wechselte, überquerten wir ein langes Schneefeld unterhalb des Gipfels, um zum letzten Aufstieg zu kommen. Diesmal schafften wir es alle zum Gipfel, von wo aus wir ein tolles 360-Grad-Panorama beobachten konnten. Der Abstieg ging erheblich schneller als erwartet, vom Basislager bis zur Straße schafften wir es in einer Stunde - der Aufstieg am Samstag hatte über fünf Stunden gedauert.

Leider kam nach der gut durchgeführten Tour der Bus nicht rechtzeitig, sondern mit anderthalb Stunden Verspätung. Als es dann auf der Fahrt nach San Felipe auch noch nach verbranntem Gummi stank, glaubten wir endgültig, laufen zu müssen. Glücklicherweise kühlten sich die Reifen wieder ab und wir konnten weiterfahren.

Gestern abend gab es im Lokalfernsehen einen Bericht über unseren Freiwilligeneinsatz, in dem ich mit den glorreichen Worten, dass ich wegen der Literatur Pablo Nerudas sowie Isabelle Allendes und der Geschichte der Unidad Popular nach Chile gekommen sei, zu Wort kam.

Der für Sonntag angekündigte Besuch des Präsidentschaftskandidaten wurde abgesagt und wird vielleicht eine Woche später nachgeholt. Durch den offiziellen Beginn des Wahlkampfes (ein Monat vor den Wahlen) sind die Straßen jetzt mit Bildern der Kandidaten gepflastert

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